Weltfrauentag 2019

Aktuell beste Karrierechancen für Führungs-Frauen

Vielfältigen Initiativen und Anstrengungen zur Förderung der beruflichen Gleichstellung der Geschlechter zum Trotz bewegt sich der Frauenanteil im Top-Management nur langsam voran. So werden noch immer nur etwa 2,5 % der wichtigsten börsennotierten Unternehmen von einem weiblichen CEO geführt. Über die Gründe hierfür sowie die aktuellen Karrierechancen für ambitionierte Frauen hat Experteer anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages mit der Karriereberaterin Regina Lindner von der auf Frauen spezialisierten Personalberatung HUNTING/HER Career-Partners gesprochen.

Die Nachfrage nach weiblichen Fach- und Führungskräften steigt.

 

Regina Lindner, HuntingHer

Frau Lindner, Sie leiten das Ressort Karriere & Coaching bei einem der führender Frauen-Headhunter Deutschlands. Haben wir wirklich so wenige hochqualifizierte Frauen in Deutschland?

Regina Lindner: Das Argument, es gebe zu wenige für das C-Level geeignete Frauen, greift einfach viel zu kurz. Natürlich tragen hier unterschiedlichste Faktoren dazu bei, dass wir noch immer so weit von einer Parität der Geschlechter in Führungspositionen entfernt sind. Das Angebot an qualifizierten und führungswilligen Frauen ist jedoch deutlich gestiegen und wir sehen schon seit einigen Jahren eine konstant anziehende Nachfrage nach weiblichen Fach- und Führungskräften, so dass sich Frauen mit Karriereambitionen durchaus derzeit echte Karrierechancen bieten.

Aber das Angebot an Top-Managerinnen verknappt sich schon zur Spitze hin?

Regina Lindner: Auf die eingangs angesprochenen CEO-Positionen bezogen ist das Angebot an potenziell geeigneten Top-Managerinnen an der Spitze tatsächlich noch geringer als unter männlichen Führungskräften. Entspricht der Anteil der Frauen unter 30 Jahren in Führungspositionen noch in etwa dem der Männer, so sinkt er zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr deutlich. Das liegt zum einen in der Familiengründungsphase in diesem Zeitraum begründet. Dennoch: ein Geschlechterverhältnis in den Boardrooms von 92:8 Prozent, wie eine aktuelle Erhebung von Ernst & Young der Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX zeigt, rechtfertigt dies keinesfalls.

Welche Gründe spielen hier ebenfalls eine Rolle?

Regina Lindner: Obwohl bereits in vielen Unternehmen ein deutlicher Wandel erkennbar ist, wird dem Thema Diversity meiner Beobachtung nach insgesamt noch immer nicht die Bedeutung beigemessen, welche insbesondere aus betriebswirtschaftlichen Aspekten heraus angemessen wäre. Dabei ist in vielen Unternehmen durchaus verstanden worden, dass der Ausbau des Frauenanteils auf allen Leitungsebenen eben nicht alleine dadurch zu erreichen ist, dass man vereinzelt exponierte Führungsposition mit einer Frau besetzt, sondern dass dies idealerweise auch mit einem Transformationsprozess hinsichtlich der Modernisierung der Führungsstruktur einhergehen sollte.

Viele Managerinnen berichten aus ihren Unternehmen, dass dem Thema Gender Diversity eher die Bedeutung eines Feigenblattes zukommt…

Regina Lindner: Dieser Eindruck wird mir ebenfalls gelegentlich seitens unserer Individual-Klientinnen im Bereich der Karriereberatung beschrieben. Dabei ist es sicherlich etwas zu kurz gegriffen zu meinen, einen diesbezüglichen Transformationsprozess mit halber Kraft erfolgreich implementieren zu können. Fakt ist: Als reines Feigenblatt oder alleine betrieben, um politischen Forderungen nachzukommen, verpufft der Effekt von Gender Diversity.

Beobachten Sie diesen Eindruck auch unter Ihren Unternehmenskunden?

Regina Lindner: Sehr selten. Dazu muss man allerdings sagen, dass die Unternehmen, welche unsere Headhunting-Kollegen von HUNTING/HER HR-Partners mit der Personalbeschaffung beauftragen, kaum repräsentativ sind. Denn das sind ja die Unternehmen, die tatsächlich Interesse am Ausbau des Anteils weiblicher Führungskräfte haben. Und wer investiert schon höhere Honorarbeträge an eine auf Frauen spezialisierte Personalberatung, wenn es mit dem Ausbau des Frauenanteils eigentlich gar nicht so ernst ist?

Was raten Sie Unternehmen, die ihren Frauenanteil in den Führungspositionen ausbauen möchten?

Regina Lindner: Der Ausbau des Frauenanteils auf den unterschiedlichen Leitungsebenen steht und fällt zunächst einmal mit der Erkenntnis, dass ein Verzicht auf 50 % des Leistungspotenzials einer Volkswirtschaft, noch dazu der bis dato am besten ausgebildeten Generation an Frauen überhaupt, heute schon allein aus ökonomischer Sicht sehr bedenklich ist. Mit dem Nachwachsen der Generation Y einerseits und den zukünftigen Anforderungen andererseits haben Arbeitgeber endgültig kaum eine andere Wahl mehr, als die Attraktivität ihrer Arbeitgebermarke auch durch eine Transformation ihrer Rahmenbedingungen grundlegend zu auszubauen. Verschiedene Studien wie die HUNTING/HER-Studie aus 2014 mit der Leuphana Universität1 zeigen eindeutig, dass die Erwartungen der neuen Generation an Akademikern an den zukünftigen Arbeitgeber geschlechtsübergreifend weitgehend identisch sind mit jenen heutiger Managerinnen. Wozu also länger warten?

Über Regina Lindner und HUNTING/HER ®
Regina Lindner ist Senior-Partnerin bei der auf Frauen spezialisierten Personalberatung HUNTING/HER, einer der Marktführer für Führungs-Frauen in Europa. Die Diplom-Ökonomin wechselte 2003 aus einem großen Telekommunikationskonzern als Partnerin in eine bundesweite Outplacement-Beratung und verantwortet seit 2015 den Geschäftsbereich Karriereberatung & Coaching bei HUNTING/HER Career-Partners.

1 „Genderdiversität bei der Personalbeschaffung – Untersuchung der Anforderungen von Akademikerinnen bei der Arbeitgeberwahl“. So lautet der Titel einer gemeinsamen Studie der Leuphana Universität Lüneburg und HUNTING/HER (2014), die zeigt: Das Image des Unternehmens für die Entscheidung von Bewerberinnen ist zwar ein Faktor, deutlich wichtiger erscheinen jedoch sogenannte „personenbezogenen Faktoren“ sowie Arbeits- und Aufstiegsbedingungen.



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