Der Krieg um die Mittelarmlehne

Mister Mustard muss sterben

Wem gehört eigentlich dieses heiß begehrte Terrain zwischen zwei Flugzeugsitzen? Wenn es gut läuft, arrangiert man sich. Doch mal ehrlich: Wann läuft es schon gut! Eine Geschichte über Männlichkeit, dumme Kühe und tröpfelnden Tomatensaft.

Mittelarmlehne

Aufregen ausdrücklich erwünscht: In der neuen Experteer-Kolumne geht es zur Sache.

Trotz des Sitzes in der Mittelreihe und der japanischen Kleinfamilie mit Meinungsverschiedenheiten hinter mir: Es war nicht so, dass ich grundsätzlich schlechte Laune gehabt hätte, als der Typ mit einem Sakko in augenlichtgefährdendem Senfgelb auf den Gangplatz neben mir plumpste.

Hallo, sagte ich also, taufte ihn spontan – wie naheliegend – Mister Mustard und presste mir ein Lächeln aus der Montagmorgen-Mimik.

Keine Antwort.

Ok, nicht gerade höflich, aber immerhin: ein Dauer-Plapperer schien Mister Mustard schon mal nicht zu sein. Auch zwei weitere Spezies konnte ich ausschließen, die mir Geschäftsreisen immer wieder zur Hölle machen: notorische Rückenlehnen-Rüttler und Anhänger des ausladenden Zeitungs-Origami, die einem mit den Seiten permanent im Gesicht herumwedeln. Doch kurz darauf das Tschernobyl meiner Komfortzone: Mister Mustard zählte zur schlimmsten Sorte Mitreisender, die es gibt. Er war fies, er war gemein – er war Mittalarmlehnen-Okkupant.

Die Armlehnen in einem Flugzeug sind derart konzipiert, dass die hohe Kunst des Teilens meist nur denjenigen gelingt, die ihren Sitznachbarn entweder sehr gut kennen oder Absolventen eines altehrwürdigen Diplomatenchors sind. Beides galt für mich und Mister Mustard nicht – und gegen 11.15 Uhr begann die friedliche Koexistenz zu bröckeln.

Unvermittelt hatte der Träger des totschicksten Sakkos der Welt seinen Unterarm auf dem Außenrand der Lehne platziert. Ein, zwei Augenblicke vergingen, dann ließ er ihn viperngleich Richtung Lehnenmitte gleiten.

Ein Zentimeter, noch einer – und schließlich: Kontakt.

Würde sich jemand im Aufzug so nah an mich herandrängen, mir käme das Wort Belästigung in den Sinn. Schließlich gibt es Studien, die besagen, dass sich Menschen wohl fühlen, wenn zwischen ihnen und Fremden mehr als 60 Zentimeter Abstand sind. Doch die gab es nicht zwischen Mister Mustard und mir.

11.23 Uhr, der schwelende Konflikt erreichte die nächste Eskalationsstufe – als nämlich Mister Mustard plötzlich begann, mit seinem Arm gegen meinen zu drücken. Mein Blick fiel auf seinen Daumen; darauf ein Muttermal, das aussah wie eine Kuh. Der Typ will doch nicht wirklich…, dachte ich. Doch, Neuronen feuerten die endgültige Gewissheit in mein Bewusstsein: Er und seine blöde Kuh wollten mich wirklich von der Lehne vertreiben – also wollten sie: Krieg.

Wut köchelte hoch in mir, anfangs auf kleinem Flämmchen. Noch immer schweigend, versuchte ich Mister Mustard klarzumachen, dass die von ihm angestrebte Ellenbogengesellschaft im Miniaturformat keinen Erfolg haben würde. Ein letzter Versuch nonverbaler Deeskalation, ein Hüsteln und ein kritischen Blick. Doch Mister Mustard drückte nur noch stärker gegen meinen Arm. Der gute Mann war kräftig; verdammt, hatte er in seinem früheren Leben Amputationen in Napoleons Feldlazarett durchgeführt?

Saft, rot wie Blut

Mein Nacken war mittlerweile verspannt, so verkrampft gab ich ihm Contra, und mein linkes Auge begann zu zucken; so wie es immer geschieht, wenn ich merke, dass sich die Jalousien über meiner Contenance zu schließen beginnen. Kurz bevor ich explodierte, bevor sich ein Wortschwall ergoss, der radikal alles weggewischt hätte ­– ­Erziehung, Etikette, einfach alles – verhinderte die Landedurchsage des Piloten Mister Mustards verbale Exekution. Er zog den Arm von der Lehne und tippte etwas in sein Handy. Kurz darauf setzten wir auf.

Mister Mustard schnellte hoch, und als er so dastand, fiel mein Blick auf seinen rechten Ärmel. Dort entdeckte ich mehrere kleine rote Flecken, sie sahen frisch aus.

Hatte sich Mister Mustard nicht vorhin Tomatensaft bestellt?

Hatte es nicht genau in dem Augenblick, als ihn die Stewardess vor ihm abstellen wollte, ein kleines Luftloch gegeben, das die Maschine durchschüttelte?

Und – um der Überlegung einen letzten, finalen Schliff zu verpassen – wäre es nicht mein Arm gewesen, den der tröpfelnde Saft getroffen hätte, wenn ich den Kampf um die Mittelarmlehne gewonnen hätte? Ja, genau das wäre geschehen.

Wie viel Wahrheit diese wunderbare Vorstellung auch immer enthielt: Sie gefiel mir; ich ließ sie wirken, wachsen, sie wurde zu einem Lächeln. Am Ende hatte ich doch noch gewonnen.

Der Sieg schmeckte gut.

Nach Tomatensaft.


Ab sofort gibt es regelmäßig Post vom Exper-Tier. Was uns aufregt oder bewegt, was einfach einmal gesagt gehört – all dies und noch viel mehr findet sich in unserer neuen Kolumne. Über den Job, das liebe Geld, über das ganze Leben. Immer offen und ehrlich, aus dem Bauch heraus und mit Augenzwinkern. Warum ein Waschbär unser Kolumnist ist? Waschbären haben einen ausgeprägten Spürsinn, sind neugierig, geschickt und schlau – nicht die schlechtesten Skills für die neue Position, denken wir. Nur ärgern darf man Waschbären nicht, da reagieren sie bisweilen gereizt. Zugegeben, bei unserem neuen Kollegen scheint das häufiger der Fall zu sein…