Kreativitäts-Räume im Büro

Enthüllt: An diesem Ort kommen die besten Ideen

Am stillen Örtchen kommen die besten Ideen? Stimmt nicht ganz. Eine überraschende Studie fand jetzt heraus, dass Innovation und Kreativität im Büro an einem ganz bestimmten Ort florieren. Architekt Christian Vorleiter erklärt, warum das so ist – und wie Sie im Büro die besten Kreativräume schaffen können.

Kreativität braucht kein ruhiges Örtchen, sondern den Austausch zwischen möglichst verschiedenen Menschen. Dafür eignen sich „Zwischenräume“ wie zum Beispiel vor den Toiletten.

Die beste Idee seines Lebens kam Archimedes als er zuhause in der Badewanne relaxte und dort mal eben das archimedische Prinzip entdeckte. Heureka! Glaubt man den antiken Überlieferungen, war das purer Zufall. Es gibt viele Menschen, die für herausragende Einfälle vor allem eines brauchen – Stille. Und die hatte Archimedes, als er im warmen Wasser lag. Auch heute sagt man – die besten Ideen kommen unter der Dusche. Oder auch auf dem Klo. Das stille Örtchen als Ort kreativer Gärungsprozesse? Stille ist also eine wichtige Komponente zur Ideengewinnung, mit der allerdings nicht jeder gut umgehen kann. Es gibt Menschen, die auf ihrer kreativen Reise vor allem die Konfrontation mit konträren und vielfältigen Meinungen anderer benötigen. Das wiederum funktioniert natürlich nicht auf, sondern allenfalls vor dem Klo …

Der stille Ort der Kreativität

Der Architekt Christian Vorleiter weiß, wie Räume aussehen müssen, in denen kreativ gearbeitet werden kann.

Der Architekt Christian Vorleiter weiß, wie Räume aussehen müssen, in denen kreativ gearbeitet werden kann.

Warum kommen vielen Menschen ausgerechnet im Bad die besten Ideen? Weil Toilettengänge und Duschen reine Routineabläufe sind. Wir müssen nicht nachdenken, was zu tun ist, das Gehirn entspannt sich. Und schweift dann ab – die beste Voraussetzung dafür, um ausgetretene Pfade verlassen zu können. Eine Studie des Magazins Psychological Science bestätigt, dass Menschen vor allem dann bessere Ideen haben, wenn sie Pausen einlegen, während der sie simple Routineaufgaben bearbeiten und dabei ihren Gedanken freien Lauf lassen. Also, wenn Ihnen mal wieder die Kreativität abgeht – ab unter die Dusche! Daheim geht das, aber in der Firma? Der Münchner Architekt Christian Vorleiter vom Büro Christoph Maas erklärt, wie ein Raum aussehen könne, in den man sich zum Denken zurückzieht: „Für mich ist Sonnenlicht und ein Bezug nach Außen, möglichst ins Grüne, sehr wichtig. Für den Wohlfühlaspekt setze ich warme Farben ein, aber nur sehr dezent, der Raum darf nicht erdrücken. Den Bezug zum Team stellt man über offene verglaste Bereiche her, die man bei Bedarf schließen kann.“

Über alle Grenzen

Kreativität ist in der heutigen Arbeitswelt in nahezu allen Branchen ein absolutes Muss. Geht es doch darum, sich langfristig Wettbewerbsvorteile zu er-denken. Dabei müssen vor allem Grenzen überschritten werden. Grenzen zwischen Menschen, zwischen Teams, zwischen Abteilungen, zwischen Meinungen und Wahrnehmungen. Dafür braucht es primär Unternehmenskulturen, die Hierarchien überwinden und Fehler zulassen. „Eine Idee ist immer eine Störung«, sagt Ralph Börner, bis 2008 Leiter der Ideenagentur bei Audi. „Sie verlangt, dass man sein Verhalten ändert, und das macht keiner gerne.“ Unterstützen können die Unternehmen ihre Mitarbeiter dabei vor allem durch zeitliche Freiräume und neue räumliche Umgebungen. Eine gute Lösung, denn laut einer Umfrage der Universität St. Gallen werden 76 % der Schweizer Ingenieure von Geistesblitzen nicht an ihrem direkten Arbeitsplatz getroffen.

Die Zwischenräume

Womit wir wieder beim Klo wären. Folgt man aktuellen Tendenzen der Kreativitätsforschung, so ist Offenheit gegenüber ungeplantem Input eine Grundvoraussetzung für Innovationen. Menschen bekämen vor allem dann kreative Impulse, wenn sie zufällig – also nicht in einem geplanten Meeting – aufeinander träfen. Und wo trifft man sich zufällig immer wieder? Genau, vor dem Klo. Räume wie diese nennen Architekten „Zwischenräume“ – sie sind weder reiner Arbeitsplatz noch reiner Meetingpoint. Der US-amerikanische Autor und Kolumnist Steven Johnson fordert sie vehement: „Create a space, where ideas mingle and swap.”

Zonen und Inseln

Wie kann man diese Zwischenräume kreativitätsfördernd gestalten? Architekt Christian Vorleiter schlägt vor: „Sie müssen anziehend wirken, damit sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Es sind Bereiche, in denen man locker stehen kann, wie eine offene Teeküche. Dort kann man längere Stehtische platzieren, an denen mehrere Personen – ohne ausgegrenzt zu werden – Platz finden, eventuell auf Stehhockern oder Bänken. Auch die Lounge-Situation passt ausgezeichnet. Ganz wichtig ist für diesen Zwischenraum ist eine punktuelle warme ‚Stimmungsbeleuchtung’.“

Wie lässt sich mit architektonischen Mitteln die spontane Kommunikation unter Menschen fördern, die für Kreativität so wichtig ist? „Indem man viel Raum für Begegnungen mit offenen Küchen und Kopier- und Technikinseln schafft“, weiß Vorleiter. „Hierbei ist das Prinzip der Zonierung zu beachten. Man unterscheidet drei Zonen

  • die private bzw. die Arbeitszone
  • die halböffentliche Zone für Begegnungen innerhalb eines Teams
  • die öffentliche Zone für teamübergreifende Begegnungen

In Räume übersetzt heißt das, die Arbeitszonen werden als Klein- oder Mittelraumbüro umgesetzt, denen sich die Flurzonen mit den „Inseln“ anschließen die wiederum dicht bei Konferenz- und Präsentationsräumen liegen, die auch von Thinktanks genutzt werden können.“ Ein Musterbeispiel für diese Beschreibung ist das Allianz-Gebäude in München und natürlich die neue Apple-Zentrale in Kalifornien. Auch dort trifft man sich gerne vor dem Klo.

Über den Autor

joergurbachJörg Peter Urbach ist Autor, Redakteur und Blogger aus Sprachleidenschaft. Seit mehr als 25 Jahren schreibt er. Für Print und Online. Konzepte. Geschichten. Fachartikel. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Literaturwissenschaft arbeitete Jörg Peter als Editorial Manager im klassischen Musikbusiness. Als langjähriger Chefredakteur des Portals wissen.de weiß er, wie man Leser begeistert und Themen findet.

Wenn der gebürtige Kieler nicht schreibt, durchwandert und fotografiert er die Alpen. Oder lauscht der Oper. Mit Achtsamkeit.



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