Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch - wie viel ist zu viel

Kleine Lügen…

Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch – wie viel ist zu viel?

Um Personalverantwortliche zu beeindrucken, greifen viele Bewerber in die Trickkiste: „Schwächen? Höchstens mein Perfektionismus.“ Dabei wünschen sich HR-Manager vor allem eines von Anwärtern auf eine neue Führungsposition: Authentizität. Doch, was ist mit etwas pikanteren Fragen, zum Beispiel zum Kinderwunsch oder Ihrer Wechselbereitschaft? Manchmal stellen Sie sich mit zu übertriebener Ehrlichkeit selbst ein Bein. Wann Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch angebracht und wie Sie Fangfragen gekonnt umschiffen, erfahren Sie hier.

Ehrlichkeit im Bewerbungsgespraech

Zwischen Ehrlichkeit und Selbstpräsentation

Ehrlichkeit ist eine Tugend – das gilt auch im Vorstellungsgespräch. Personalberater wie Gregor Lenkitsch schätzen aufrichtige Bewerber: „Ehrlichkeit, Offenheit und souveränes Auftreten hat sicherlich noch keinem geschadet.“ Natürlich wollen sich Bewerber im Vorstellungsgespräch möglichst vorteilhaft präsentieren, profilieren, exponieren. Sie wollen perfekt sein. Dabei wandern sie auf einem schmalen Grat zwischen Ehrlichkeit und Selbstdarstellung. Achten Sie darauf, Ihre Erfahrungen und Expertisen nicht zu sehr zu „beschönigen“. Sie haben in Ihrem Lebenslauf angegeben, dass Sie fließend Mandarin sprechen? Dann sollten Sie auf Nachfrage auch in der Lage sein, mit Ihren Kenntnissen im Bewerbungsgespräch aufzuwarten. Denken Sie daran, dass der Bluff spätestens auffliegt, wenn Sie die Stelle haben – und die Delegation aus China durch das Unternehmen führen sollen. Ein selbstbewusster Umgang mit Ihren Leistungen ist sicher kein Nachteil, doch achten Sie darauf, bei der Wahrheit zu bleiben.

Wenn Sie sich im besten Licht zeigen wollten, sollten Sie im Vorfeld zudem eine Kurzpräsentation (Elevator Pitch) über sich selbst vorbereiten, in der Sie Ihre Erfahrungen und Erfolge knapp darlegen. Die Präsentation sollte nicht länger dauern als eine Fahrt im Fahrstuhl (Englisch: elevator), also etwa eine Minute. Verzichten Sie darauf, Ihren gesamten Lebenslauf herunterzubeten, sondern beschränken Sie sich auf das Wesentliche. Arbeiten Sie drei bis vier Kernaspekte heraus, die sich auch in der Stellenbeschreibung wiederfinden und untermauern Sie diese durch konkrete Beispiele.

 

Wann Sie unbedingt ehrlich sein sollten

Personalverantwortliche und Headhunter wünschen sich selbstbewusste und authentische Kandidaten. Denn nur, wenn Sie sich an die Wahrheit halten, kann der Personaler einschätzen, ob Sie wirklich ins Unternehmen passen. Im Bezug auf Ihre Leistungen, Ihren Erfahrungsschatz und Ihre Qualifikationen sollten Sie daher unbedingt ehrlich sein – anderenfalls haben Sie selbst das Nachsehen.

Behalten Sie Ihre Gabe zur kritischen Reflexion, wenn Sie Ihrem Gegenüber erklären, warum Sie die geborene Führungskraft sind. Erklären Sie, wo Ihre Führungsqualitäten liegen, und unterfüttern Sie Ihre Argumente mit konkreten Beispielen. Ihre Führungserfahrung sollten Sie ebenfalls ehrlich darlegen. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bereits eine Abteilung geleitet haben oder ob das einzige Team, das Sie bislang geführt haben, aus drei Praktikanten und einem Werkstudenten bestand. Bleiben Sie aufrichtig – auch die Führung eines kleineren Teams hat Ihnen Erfahrungen eingebracht. Erklären Sie, was Sie gelernt haben und in welchen Bereichen Sie gerne zusätzliche Qualifikationen erwerben würden. So kann der Personalverantwortliche sich ein akkurates und umfassendes Bild von Ihnen machen und weiß, wo Sie am Anfang vielleicht noch Hilfestellung brauchen, welche Schulungen sinnvoll wären, und in welchen Bereichen er Ihnen guten Gewissens freie Hand lassen kann.

Reagieren Sie taktisch klug auf Fragen nach Ihren Schwächen und Wissenslücken. Hierbei ist eine gute Vorbereitung unerlässlich. Überlegen sich im Vorfeld, wie Sie Ihre Schwächen verkaufen wollen. Lassen Sie die Finger von Standardantworten wie „Ich bin zu ehrgeizig“ oder „Ich kann nicht unstrukturiert arbeiten“ – Personaler kennen sie zu genüge. Sie müssen nicht zwangsläufig Schwächen wählen, hinter denen sich in Wahrheit Stärken verbergen. Wählen Sie lieber echte Mankos und zeigen Sie, dass Sie sich deren nicht nur bewusst sind, sondern auch an ihnen arbeiten. Zum Beispiel: „Ich habe Schwierigkeiten damit, vor großen Gruppen zu sprechen. Aus diesem Grund habe ich vor drei Monaten ein Seminar zum Thema Rhetorik und Körpersprache belegt.“

 

Wann Sie besser zur Notlüge greifen

Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch ist bei Ihren beruflichen Erfahrungen, Qualifikationen sowie bei Ihren Stärken und Schwächen, unerlässlich. Sobald Ihr Gegenüber beginnt, Fragen zu Ihrem Privatleben zu stellen, sollten Sie vorsichtig sein. Hier kann zu viel Ehrlichkeit Ihre Chancen auf die Stelle deutlich schmälern.

Warum wollen Sie wechseln?

Nehmen wir einmal an, Sie werden gefragt, warum Sie Ihren derzeitigen Arbeitgeber verlassen wollen. Wenn Sie jetzt schonungslos direkt sind und in Schimpftiraden über miese Bezahlung und den inkompetenten Vorgesetzten ausbrechen, tun Sie sich keinen Gefallen. Überlegen Sie sich in diesem Fall eine Alternative: Sie haben alle Weiterentwicklungsmöglichkeiten in Ihrem derzeitigen Unternehmen ausgeschöpft und sind nun auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Vielleicht wollen Sie sich auch beruflich umorientieren. In jedem Fall sollten Sie private Gründe außen vor lassen.

Welche Hobbys haben Sie?

Hobbys zeigen Personalverantwortlichen und Headhuntern, wie Sie ticken. Sind Sie ein Teamplayer? Engagieren Sie sich? Achten Sie also darauf, dass Ihre Hobbys nicht zu viel von Ihnen preisgeben. Ihre Leidenschaft fürs Fallschirmspringen oder für Bergtouren im Himalaya sollten Sie bei einem Bewerbungsgespräch niemandem unter die Nase reiben. Warum? Ihr Gegenüber könnte mutmaßen, dass Sie sich verletzen und so für längere Zeit ausfallen. Zudem könnte man den Schluss ziehen, Sie seien jemand, der gerne Risiken eingeht. Für die Stelle als CFO nicht die beste Wahl.

Wollen Sie Kinder?

Besonders für Frauen in den Dreißigern klingt diese Frage wahrscheinlich, als würde eine Falle zuschnappen. Lassen Sie sich jetzt nicht aus der Ruhe bringen. Erkundigen Sie sich höflich, was diese Frage mit Ihren Kompetenzen zu tun hat – und wechseln Sie anschließend diskret das Thema. Ihr Kinderwunsch,  Ihre politische Einstellung, religiöse Zugehörigkeit oder gar die Frage nach einer potenziellen Schwangerschaft gehören nicht ins Bewerbungsgespräch – und sind rechtlich unzulässig. Machen Sie sich vor Ihrem Vorstellungsgespräch über unerlaubte Fragen schlau und bereiten Sie kurze Antworten vor. Im Zweifelsfall ist eine kleine Notlüge erlaubt.

Noch Fragen?

Sicherlich brennen Ihnen viele Fragen auf der Seele – mit einigen davon sollten Sie jedoch nicht gleich im Vorstellungsgespräch voranpreschen. Wer sich gleich nach der Anzahl seiner Urlaubstage erkundigt, hinterlässt wohl nicht den besten Eindruck. Fragen Sie stattdessen nach Dingen wie internen Weiterbildungsmöglichkeiten – so signalisieren Sie Motivation und Lernbereitschaft. Denken Sie immer daran: Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch ist oft eine Frage strategischer Vorbereitung – und des richtigen Drehs.

Sie wissen nun genau, wie Sie sich im Bewerbungsgespräch erfolgreich präsentieren können – nun ist es Zeit, Ihr Wissen in die Tat umzusetzen. Machen Sie sich bereit für Ihren nächsten Karriereschritt als Führungskraft!



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