Equal Pay Day 2019

Faire Bezahlung – Der wichtigste Gleichstellungsfaktor

In den letzten hundert Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen für Männer und Frauen fundamental verändert. Dennoch verdienen Frauen weniger als Männer. Noch immer sind in den Führungsetagen weibliche Führungskräfte deutlich unterrepräsentiert. Experteer sprach anlässlich des Equal Pay Day mit zwei ausgewiesenen Expertinnen zum Thema: Henrike von Platen vom Fair Pay Innovation Lab und Regina Lindner von der auf Frauen fokussierten Karriereberatung HUNTING/HER Career-Partners.

Warum gerechte Bezahlung 2019 noch immer ein heißes Thema ist

 

Weltweit verdienten Frauen auch 2018 weltweit weniger als Männer. In Deutschland sind es ganze 21 Prozent. Was sind die Gründe für den Gehaltsunterschied?

Regina Lindner, Senior-Partnerin bei HUNTING/HER

Lindner: Die Gründe sind sicherlich vielfältig und nicht auf einen einzelnen Faktor zu reduzieren. Einer davon ist die massive Unterrepräsentanz von Frauen im gehobenen Management. So liegt der Anteil an weiblichen Vorständen in den größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland bei gerade einmal 8,5 Prozent.

von Platen: Sowohl die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern als auch der Mangel an Führungskräften im Top-Management hängen eng miteinander zusammen. Denn einer der Gründe für die von Frau Lindner völlig zu Recht angesprochene massive Unterrepräsentanz von Führungsfrauen ist, dass sie oft schlechter für ihre Arbeit bezahlt werden. Umgekehrt liegt diese Unterbezahlung auch daran, dass sich in gehobenen Führungspositionen selten Frauen finden.

Welche Gründe lassen sich noch finden?

von Platen: Neben der Unterrepräsentanz auf den oberen Führungsebenen gibt es noch viele weitere Gründe für die Lohnlücke – die Ursachen sind komplex. So arbeiten Frauen sehr viel häufiger als Männer in weniger gut bezahlten Berufen, überdurchschnittlich oft in Teilzeit, werden weniger schnell befördert und übernehmen seltener Verantwortung.

Lindner: Gleichzeitig beobachten wir in der Praxis bei HUNTING/HER nahezu täglich, dass weibliche Kandidaten häufig auch anders verhandeln als männliche Fach- und Führungskräfte und auch anderen Motivationsmustern folgen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Männliche Arbeitnehmer aller Hierarchieebenen bewerben sich sehr viel öfter als Frauen auf Stellenangebote, deren Anforderungsprofil sie nur zu einem Teil gerecht werden. Die Folge ist, dass die Chancen natürlich ungleich höher sind, denn kein Arbeitgeber oder Headhunter erwartet ernsthaft, dass die Bewerber wirklich sämtliche Kriterien erfüllen.

 

Henrike von Platen, CEO/ Founder FPI Fair Pay Innovation Lab; © Oliver Betke

Frauen verhandeln also häufig schlechter als Männer?

Lindner: Frauen verhandeln nicht per se schlechter als Männer, sondern anders. Personalsuchende Unternehmen sollten sich im eigenen Interesse darauf einstellen und an Forderungen von Frauen keine anderen Maßstäbe anlegen als an männliche Bewerber. Ein Klassiker ist beispielsweise die Durchsetzungsstärke eines männlichen Managers, während dessen weibliches Pendant das gleiche Verhalten im Zweifel oft als zickig ausgelegt wird. Aber natürlich schadet es auch Frauen nicht, sich gute Verhandlungstechniken anzueignen, so wie wir es mit unseren Klientinnen im Karrierecoaching trainieren.

von Platen: Es hat noch niemandem geschadet, sich gute Verhandlungstechniken anzueignen. Aber ganz egal wie groß ihr Verhandlungsgeschick, ihr Können oder ihr Talent ist, keine Frau wird das Problem im Alleingang aus der Welt schaffen. Um die Strukturen zu ändern und dem Schubladendenken ein Ende zu setzen, sind nicht die Frauen, sondern in erster Linie die Unternehmen in der Pflicht. Ein Mann, der Erfolg hat, wird bewundert, eine erfolgreiche Frau gilt als suspekt, ja fast unsympathisch. Fakt ist: Frauen fragen genauso oft nach einer Gehaltserhöhung wie Männer – nur bekommen sie sie seltener.

 

Welche Rolle spielt das Einkommen als Tabuthema in Deutschland?

von Platen: Im deutschsprachigen Umfeld wird nur ungern über das Einkommen gesprochen, selbst im Freundes- oder Familienkreis ist das oft ein Tabu. Laut Forsa-Umfrage wissen 41 % der Deutschen nicht einmal, was ihr Partner oder ihre Partnerin verdient. Diese Skepsis gegenüber Transparenz in Geldangelegenheiten ist auch in der Wirtschaft weit verbreitet. Dabei gibt es gute Gründe für transparente Einkommensstrukturen. Transparenz sorgt für Augenhöhe, im Privaten wie im Berufsleben. Wer weiß, was andere verdienen, kann sehr viel besser beurteilen, ob es Gründe gibt, das eigene Einkommen einmal nach zu verhandeln. Transparenz muss aber nicht bedeuten, dass sämtliche Gehaltszettel in der Kantine ausgehängt werden. Wichtig ist, dass alle nach den gleichen Regeln spielen und alle diese Regeln kennen.

 

Wie überzeugen Sie Unternehmen von mehr Entgelttransparenz?

Lindner: Einerseits dient Entgelttransparenz fairen Gehaltsstrukturen, was sich auch für die Unternehmen letztlich auszahlen kann, zumal gleiche Gehälter auch für eine größere Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt sorgen würde. Dies käme  wiederum der gesamten Wirtschaft zugute. Wenn es gelingt, ebenso viele Frauen wie Männer am Arbeitsmarkt zu beteiligen, würde das Wirtschaftswachstum der OECD-Länder bis 2030 prognostiziert um etwa 12 % steigen.

 

Henrike von Platen, CEO FairPay Innovation Lab, Berlin
Henrike von Platen ist Deutschlands bekannteste Expertin zum Thema Entgeltgerechtigkeit und Gründerin und CEO des Fair Pay Innovation Lab, das Unternehmen bei der praktischen Umsetzung von Lohngerechtigkeit unterstützt. Die Finanzexpertin ist Hochschulrätin an der Hochschule München, engagiert sich bei AdAR in der Fachgruppe Zertifizierte Aufsichtsräte und war von 2010 bis 2016 Präsidentin der Business and Professional Women Germany e.V., den Initiatorinnen des deutschen Equal Pay Day.

Regina Lindner, Senior-Partnerin HUNTING/HER Career-Partners ®, Düsseldorf
Regina Lindner ist Senior-Partnerin bei der auf Frauen spezialisierten Personal- und Karriereberatung HUNTING/HER, der führenden Karriereberatung für Frauen in Europa. Die Diplom-Ökonomin wechselte 2003 aus einem großen Telekommunikationskonzern als Partnerin in eine bundesweite Outplacement-Beratung und verantwortet seit 2015 den Geschäftsbereich Karriereberatung & Coaching bei HUNTING/HER Career-Partners.



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