„Headhunter müssen auch mal querdenken“

Eigentlich war es nie Gary Chaplins Traum, Recruiter zu werden. „Ich wollte eigentlich Steuerberater werden“, sagt er, „aber schon nach drei Monaten habe ich gemerkt, dass mich das langweilt.“ Dann machte eine internationale Recruitment-Gruppe ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte – eine Gehaltserhöhung um 50 Prozent und ein Firmenwagen. Chaplin nutzte die Chance und wurde Mitglied des Teams. Die meisten professionellen Recruiter haben ihre eigenen Strategien, wie sie hochqualifizierte Kandidaten erfolgreich mit ihren Klienten zusammenbringen. Als Headhunter hat sich Chaplin nie viel aus traditionellen Strategien gemacht. „Ich war ein Querdenker“, sagt er. Aber nachdem er für drei völlig verschiedene Unternehmen im Recruiting-Sektor tätig gewesen ist – unterschiedlich im Hinblick auf Größe und Recruiting-Stil – erkannte Chaplin, dass er an etwas Großem dran war. Sein jetziges Unternehmen Gary Chaplin Executive Search mit Sitz in Großbritannien hat sich auf die Vermittlung von Senior Professionals spezialisiert. Inzwischen hat er über 20 Jahren Berufserfahrung und ein Erfolgsrezept: Gute Headhunter müssen auch mal querdenken.


Headhunter müssen auch mal querdenken

 

Eine neue Perspektive

Chaplins Eintritt in die Recruiting-Branche war alles andere als ideal. Seine ersten Erfahrungen bei dem internationalen Unternehmen waren eher gemischt. „Nach zwei Jahren habe ich gemerkt, dass der Recruiting-Sektors zwar fantastisch ist, in der Firma aber vieles dilettantisch ausgeführt wurde.“ Für drei Jahre zog es Chaplin zu einem kleinen Recruing-Unternehmen, wo er seinen eigenen Stil entwickelte. Seine letzte Position, bevor er sein eigenes Unternehmen gründete, bezeichnet er als seine „Geburt als Headhunter“. Hier erkannte er seine Leidenschaft und sein Talent für das Recruiting.

 

Die Chemie muss stimmen – Der Chaplin-Prozess

Wenn es darum geht Stellen in etablierten Unternehmen mit den besten Talenten zu besetzen, ist Chaplin nicht gerade bescheiden. Normalerweise werden nur drei bis sechs Monate garantiert, in denen der Kandidat ganz sicher im Unternehmen bleibt. Chaplin dagegen verspricht ein volles Jahr – anderenfalls findet er einen Ersatz, und zwar umsonst. Dieses Versprechen ist nicht ohne, aber Chaplin glaubt, dass sein unkonventioneller Headhunting-Stil einen großen Teil zu seinem derzeitigen Erfolg beiträgt. „Talent und Erfahrung eines Kandidaten sind wesentlich, aber ich achte auch darauf, dass die Chemie zwischen Mitarbeiter und Unternehmen stimmt.“

Chaplin beginnt seinen Auswahlprozess damit, dass er einen ganzen Tag mit seinem Klienten verbringt, den Arbeitsstil der Mitarbeiter und die Unternehmenskultur begutachtet und sich Notizen macht. Dadurch erhält er ein besseres Gefühl dafür, welche Art von Kandidat in das Unternehmen passen würde. Anschließend arbeitet er mit dem Klienten eine offizielle Stellenbeschreibung aus – welche Eigenschaften soll der Kandidat unbedingt mitbringen – und welche wären vielleicht wünschenswert? Nachdem er eine detallierte Rollenbeschreibung für den Wunschkandidaten angefertigt hat, beschränkt sich die Interaktion mit dem Unternehmen in der Regel auf ein Minimum. „Schließlich wurde ich engagiert, damit sich die Firma nicht selbst um die Suche kümmern muss“, erklärt er. Etwa vier Wochen später, nach zahlreichen Gesprächen, hat Chaplin meist einen idealen Kandidaten gefunden.

 

Kenne deine Kandidaten

Kandidaten sollten sich für ein Headhunter-Interview nicht anders vorbereiten als für ein normales Vorstellungsgespräch, meint Chaplin. Sie sollten sich mit der Position, der Branche und der konkreten Stelle auskennen. Chaplin zufolge muss man „einfach nur man selbst sein, seinen beruflichen Werdegang in-und-auswendig kennen und sympathisch wirken.“

Meist wählt er ein informelles Umfeld, um Kandidaten kennenzulernen – Restaurants oder Bars. Denn hat er eine goldene Regel: „Ich halte ein Interview nie in meinem Büro ab.“ In einem ungezwungenen Umfeld zeige sich die Persönlichkeit eines Menschen am besten, sagt er. Ungewöhnlich? Ja. Effektiv? Auf jeden Fall. Chaplin lernt seine Kandidaten sofort auf einer persönlichen Ebene kennen und zwar ohne den Druck eines klassischen Bewerbungsgesprächs. Dabei hat ihn schon der ein oder andere beeindruckt. „Manchmal denke ich mir schon nach fünf Minuten ‚Wow!‘ Persönlichkeit und Leidenschaft, das ist es, womit ein Kandidat meine Aufmerksamkeit gewinnt.“

Einmal hat eine Kandidaten ihn so mit ihrer langen Liste an Erfolgen, ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit und ihrer Bescheidenheit beeindruckt, dass er gleich zwei verschiedene Positionen für sie gefunden hat. Heute ist sie die Vorsitzende eines großen Unternehmens. „Auch ein anderer hat mich völlig umgehauen, er war dermaßen intelligent, hatte als Student mit Bestnote abgeschlossen, anschließend für die Consulting-Agentur McKinsey gearbeitet und hatte nun beschlossen, alles zu riskieren und bei einem jungen Medienunternehmen einzusteigen. Fünf Jahre später stand dieser Kandidat mit Samuel L. Jackson auf der Bühne und nahm einen Emmy für sein berufliches Werk entgegen.“

Die Leidenschaft ist es, mit der man jemandem nachhaltig in Erinnerung bleibt. „Die Lektion, die ich von meinen Mentoren gelernt habe? Kenne deinen Kandidaten. Sogar in diesem Moment kann ich Ihnen genau sagen, welches mein bester Kandidat für jede Branche oder Position ist.“ Aber natürlich habe er nicht nur mit perfekten Kandidaten zu tun gehabt, es gab auch ein paar ziemliche Horrorgeschichten, so Chaplin. „Da war dieser Sales Director, der mir zu Beginn des Gesprächs gleich sein letztes Jahresgehalt an den Kopf geworfen hat. Wenn ich das nicht überbieten könne, würde er gleich gehen, sagte er. Oder der CEO, der sich weigerte, mir Informationen zu seiner Person zu geben, wenn ich ihn nicht gleich in die engere Auswahl nehmen würde. Oder der Kandidat, der seine Frau zum Vorstellungsgespräch schickte, weil er krank war und damit argumentierte, dass seine Frau ohnehin alles über seine Karriere wisse.“

 

Danke für diese interessanten Einsichten, Gary Chaplin! Und an alle Kandidaten: Denken Sie daran, im Vorstellungsgespräch Leidenschaft zu zeigen, aber dabei immer Sie selbst zu bleiben. Denn nur so kann ein Headhunter eine Position finden, die zu Ihnen passt. Viel Erfolg!


HeadShot RMCH 2Gary Chaplin hat mehr als 20 Jahre Erfahrung im Recruiting, seit 15 Jahren hat er sich auf die Suche nach Executives spezialisiert. Im Januar 2012 gründete er Gary Chaplin Executive Search, um neue Ideen in das Headhunter-Business einzubringen. Garys großes Netzwerk, seine Erfahrung bei der Entwicklung von Suchmethoden und sein Verständnis dafür, dass die „Chemie stimmen muss“ machen ihn zu einem der wichtigsten Recruiter in Nordengland.

 

 

 


Experteer wurde von Focus als eines der Top Karriere Portale 2015 ausgezeichnet.



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