Waffenindustrie

Führen im Minenfeld

Moderne Waffen aus der hochtechnologisch aufgestellten deutschen Waffenindustrie sind Premium-Produkte auf dem Weltmarkt. Aber wie geht die Branche mit Ereignissen wie etwa dem Attentat in Sutherland Springs/Texas oder dem in Las Vegas um? Wie führt man in einer Branche, deren Image belastet ist? Einblicke in eine Industrie, die zwar 1,69 Billionen US-Dollar umsetzt, an ihrer Transparenz nach außen aber noch arbeiten muss.

Karriere in der Waffenindustrie

Die Rüstungsindustrie ist nicht gerade positiv besetzt. Dabei liefert sie nicht nur Kriegs- sondern auch Sicherheitstechnologie. Wie führt man Mitarbeiter in dieser krisengebeutelten Branche?

Keine zwölf Stunden nach dem verheerendsten Schusswaffen-Massaker der US-Geschichte in Las Vegas mit 59 Toten und mehr als 500 Verletzten schossen die Kurse der großen amerikanischen Waffenhersteller nach oben. Die Erklärung dafür ist simpel: Wer sich bedroht fühlt, kauft Waffen, um sich sicherer zu fühlen. Eine kriselnde Weltlage, die wachsende Angst vor Terror und auch Ereignisse wie in Vegas tragen dazu bei, dass die Waffenindustrie boomt. Trotz ihres schlechten Images ist die Branche attraktiv für Spitzenkräfte. Warum das so ist und wie diese mit Schocks wie in Vegas umgehen, erklärt Ihnen unsere Expertin Karin Tegtmeier.

Von Freunden und Feinden

Wovor hatten die Deutschen 2016 am meisten Angst? Vor Terroranschlägen. Denn seit dem 11. September 2001 hatte die Waffenindustrie „endlich“ wieder einen Feind – den internationalen Terrorismus. Das automatisch wiederbelebte „Freund-Feind“-Schema legitimierte schlagartig wieder steigende Rüstungsausgaben. „Aus diesem verengten Blickwinkel heraus betrachtet, waren und sind die Mitarbeiter in der Rüstungsindustrie zurecht davon überzeugt, etwas ausgesprochen Sinnvolles zu tun und vor allem auch zur Sicherheit beizutragen“, erläutert Karin Tegtmeier, die als langjährige Senior Managerin im Employment Marketing von EADS tiefe Einblicke in die Rüstungsbranche gewonnen hat.

Dabei ist es mitnichten so einfach, wie Tegtmeier weiß: „Das simple ‚Freund-Feind“-Raster ist ja nicht nur wirtschaftlicher Antreiber der Branche, sondern gleichzeitig auch ihr ethisch-moralisches Dilemma. Denn die damit verbundene Illusion, der Einsatz von Waffen lasse sich nach Gut und Böse trennen, ist höchst problematisch.“ Eine Schwarz-Weiß-Malerei wird weder der heutigen geopolitischen Komplexität, noch der Veränderungsgeschwindigkeit gerecht: Freunde werden schnell zu Feinden oder umgekehrt und die Waffentechnologie für die “Guten” gerät so oftmals in die falschen Hände.

Ethik und Moral

Laut Expertin Tegtmeier arbeitet ein „Großteil der Unternehmen mit hohen ethischen Standards, die die Mitarbeiteridentifikation erhöhen.”

Karin Tegtmeier hat als Senior Managerin im Employment Marketing von Airbus tiefe EInblicke in die Rüstungsbranche gewonnen.

Karin Tegtmeier hat als Senior Managerin bei Airbus tiefe Einblicke in die Rüstungsbranche gewonnen.

Das Betriebsklima ist in der Regel familiär. Sie handeln nach dem Grundgesetz und es wird großer Wert auf den demokratischen Dialog, politische Information und politische Korrektheit gelegt, da die Branche keinerlei Interesse an einem Skandal hat. Die Rüstungsindustrie ist aus Prinzip regierungsnah und loyal. Die Mitarbeiterschaft spiegelt die überwiegend akademisch gebildete deutsche Mittelschicht wieder, mit einem Spektrum der politischen Mitte.“

Und der Vegas-Schock?

„In furchtbaren Situationen wie diesen hilft nur eins: absolute Transparenz der Führungskräfte“, ist Karin Tegtmeier überzeugt. „Sie müssen ehrlich über die Problematik diskutieren, dass eventuell sogar Waffen aus der Produktion des eigenen Unternehmens verwendet wurden, und somit das beliebte ‘Freund-Feind’-Schema eben in bestimmten Fällen nicht greift.

Als Führungskraft haben Sie natürlich kein Interesse daran, dass ihre hochqualifizierten Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Von daher empfehle ich Führungskräften, nicht nur nach Schocksituation zu reagieren, sondern proaktiv mit den Mitarbeitern die ethischen Werte des Unternehmens zu diskutieren. Dies durchaus kritisch und ergebnisoffen. Decken Sie in keinem Fall den Mantel des Schweigens über die Grundproblematik Ihrer Branche!

Wie gesagt: Solange das Freund-Feind-Schema aufrechterhalten wird, hat die Rüstungsindustrie kein Legitimationsproblem. Und zur Veränderung des öffentlichen Bewusstseins wird die Waffenindustrie sicherlich als letzte beitragen.“

Hochtechnologie pur

Die Rüstungsbranche liefert Hochtechnologie pur und die ist aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Dabei sind 80 % der entwickelten Produkte sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke nutzbar. Viele Menschen sind froh, dass Fußballstadien und Flughäfen sehr genau überwacht werden können. Expertin Tegtmeier erklärt: “Diese Technologien können selbstverständlich auch militärisch genutzt werden, etwa zur Beobachtung von Truppenbewegungen, für friend-or-foe-Erkennungssysteme etc. Militärische und zivile Produkte sind nicht mehr klar zu trennen.” Somit wird die Rüstungsindustrie immer stärker zum hochattraktiven Erprobungsfeld für Spitzenkräfte in der deutschen Wirtschaft.

Das Image der Waffenindustrie in Deutschland ist trotz dieser Feststellung nicht unbedingt positiv besetzt. Dementsprechend präsentieren sich die Unternehmen nach außen als Hochtechnologieunternehmen, die “Sicherheit” und “Mobilität” verkaufen und durch ihre Produkte das Leben von Polizisten und Soldaten schützen.

Karriere in der Waffenindustrie

Wie ein Blick in die Experteer-Datenbank zeigt, sind insbesondere in den USA zahlreiche Positionen in der Rüstungsindustrie zu besetzen. Mit einem Gehalt knapp unter der magischen 100.000 € Benchmark. Aber auch in Europa finden sich zahlreiche Stellen für Fach- und Führungskräfte. Der Grund: Ein durch starke Exporte ausgeprägtes Wachstum von bis zu 8 %. Und die Rüstungsindustrie ist ein Abbild der deutschen Wirtschaft:

  • nur wenige Konzerne
  • extrem starke Mittelständler
  • Premium- Qualität
  • hohe Innovationskraft
  • massive Kundenorientierung

Neben den guten Gehältern lockt vor allem die Aussicht der technologischen Vorreiterrolle: 89 % der Unternehmen betreiben Forschung und Entwicklung. Die Ingenieure und Spezialisten arbeiten an Zukunftstechnologien, die wirklich “leading edge” sind. Karin Tegtmeier ergänzt: „Die Technologie wird von den Mitarbeitern als neutral erlebt.” Die moralische Frage muss jedoch jeder für sich selbst beantworten.