Kompromisse im Job

Wie Sie es besser machen als die Jamaika-Streithähne

Zwischen CDU, CSU, FDP und den Grünen ist es schon wieder vorbei, bevor die Gespräche über eine mögliche Regierungskoalition so richtig begonnen haben. Was Führungskräfte aus den Jamaika-Verhandlungen lernen können, wenn sie das nächste Mal Kompromisse machen müssen.

Kompromisse im Job

Auf einen Kompromiss wollte sich FDP-Chef Lindner nicht einlassen.

Zu fast jeder Verhandlung, in die zwei oder mehr Personen, Parteien und Positionen involviert sind, gehört es dazu, sich irgendwo in der Mitte treffen zu müssen. So war es auch bei den Sondierungsgesprächen über eine mögliche Jamaika-Koalition: Der CSU war es wichtig, eine Obergrenze für Flüchtlinge durchzusetzen, die FDP wollte den Solidaritätszuschlag abschaffen und die Grünen möglichst bald aus der Braunkohle aussteigen.

In großen Organisationen ist das nicht anders, sagt Martina Stauch, Führungskräftecoach aus München. Auch im Arbeitsumfeld stehen Mitarbeiter und Führungskräfte immer wieder vor Verhandlungen. Wenn es um die Budgetplanung für das kommende Jahr geht, feilscht der Geschäftsführer mit der Abteilungsleiterin und wenn der Mitarbeiter mehr Geld möchte, muss sie mit ihm aushandeln, ob demnächst mehr auf dem Gehaltszettel stehen soll. Und auch im Umgang mit Zulieferern oder Kunden müssen Führungskräfte immer wieder aufs Neue erörtern, unter welchen Bedingungen es mit einer Zusammenarbeit klappt.

In all diesen Situationen sind Kompromisse grundsätzlich nichts Negatives, findet Stauch: „Sie sind vielmehr notwendig, um Veränderungen durchzusetzen und können oftmals sogar kreative Lösungen herbeiführen.“ Damit das gelingt, müssten alle Beteiligten jedoch mit einem bestimmten Mindset an die Sache herangehen:

Ein klares, inhaltliches Ziel vor Augen haben und nicht den bloßen Wunsch, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Kompromisse im Job

Martina Stauch coacht Führungskräfte. Kompromisse findet sie sinnvoll – wenn daraus kein Kompetenzgerangel wird.

Bei den Sondierungsgesprächen verfolgten die Parteien das gemeinsame Ziel, Deutschland in eine gute Zukunft zu führen. Das Problem: Sie waren alle der Meinung, dass ihre eigenen Wahlprogramme dafür die beste Lösung lieferten – und es gelang ihnen offensichtlich nicht, davon wirklich abzurücken. Im Job seien Kompromisse dann möglich, „wenn beide Parteien nach Gemeinsamkeiten suchen und ihr Ego außen vor lassen“, sagt Stauch. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter möchte mehr Anerkennung im Job und fragt nach einer Gehaltserhöhung. Diese ist derzeit aber nicht drin. In einem solchen Fall kann der Vorgesetzte gemeinsam mit seinem Mitarbeiter andere Möglichkeiten erörtern, um das Ziel zu erreichen – zum Beispiel einen Plan zur Weiterentwicklung der Fähigkeiten aufstellen für den nächsten Schritt in der Karriere, der den Marktwert des Mitarbeiters erhöht.

Das Blame Game vermeiden.

„Ich wollte ja, aber die anderen können und wollen nicht“, dieser Satz fiel so oder so ähnlich nicht nur bei den Jamaika-Verhandlungen regelmäßig, sondern auch dann, wenn in Unternehmen neue Projekte anstehen und Abteilungen zusammen arbeiten und Kompromisse finden sollen. „Hier sind die Führungsqualitäten der Manager gefragt, klare Regeln, Ziele und Verantwortlichkeiten zu formulieren und sich gegenseitig in die Verantwortung zu nehmen oder auch einander unter die Arme zu greifen, um diese Ziele zu erreichen“, sagt Stauch. Denn einander den Schwarzen Peter zuzuschieben bringe niemanden voran.

Freundliche Kompromisse finden.

Die Atmosphäre bei den Sondierungsgesprächen sei „miserabel“ gewesen, klagte der Grüne Robert Habeck nach dem Aus. Eine schlechte Stimmung bei Verhandlungen könne man vermeiden, „indem man nicht mit brachialer Gewalt hineingeht, sondern strittige Punkte und Ängste anspricht und ernst nimmt“, sagt Stauch. Und: „Einigkeit kann man auch mal feiern.“ Das hebt die Stimmung bei zähen Diskussionen.

Und dann gibt es da noch die faulen Kompromisse. „Faul ist ein Kompromiss in meinen Augen dann, wenn er zulasten der eigenen Moral geht“, sagt Stauch. Das könne zum Beispiel dann der Fall sein, wenn ein Kompromiss nur dann zustande kommt, weil dabei Menschen ihren Job verlieren. Umgehen lasse sich ein fauler Kompromiss, indem man mit einer klaren Strategie in die Verhandlungen geht. Eine Strategie, die vorsieht, welche Zugeständnisse für einen selbst möglich sind „und wo es mir zu weit geht, weil es an mein Wertesystem geht.“

Für die FDP war es jetzt offenbar genug. Sie begründet den Abbruch der Verhandlungen mit Inhalten und Werten, die anderen Streithähne mit Machtspielchen. Bei diesen Verhandlungen ging eben einiges schief.

Über die Autorin

Felicitas Wilke klein

Felicitas Wilke arbeitet als freie Journalistin in München.

Beruflich begeistert sie sich für Themen rund um Wirtschaft, privat bereist sie gerne Skandinavien und hat ein Herz für schwarz-gelben Fußball aus dem Ruhrgebiet.


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