Kontinuität und Führung

Merkeln für Manager

Der Druck steigt und Sie glauben, eine rasche Entscheidung müsse her? Können Sie machen. Mit dem Risiko, in blinden Aktionismus vorschnell und fehlerhaft zu entscheiden. Schauen Sie stattdessen doch mal auf das Verhalten der Bundeskanzlerin und managen Sie mal ganz anders. Nach der Merkel-Methode.

Für ihren Aktionismus ist Frau Merkel wirklich nicht bekannt. Tatsächlich ist Abwarten manchmal eine kluge Entscheidung.

Immer wieder wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihrer zwölfjährigen Regierungszeit, verstärkt aber vor allem im abgelaufenen Bundestagswahlkampf ein drastischer Hang zum Nichtentscheiden vorgeworfen. Sie packe nichts an, lasse den Dingen einfach ihren Lauf, bestimme viel zu wenig die Richtung. In der Tat, einen „blinden Aktionismus“ kann man Merkels Politikmanagement nicht attestieren. Aber was steckt hinter ihrer Politik der „ruhigen Hand“, hinter dem strategischen Abwarten, dem vermeintlichen Hinauszögern von Entscheidungen? Und vor allem, was können moderne Manager daraus für ihre eigene Karriere und ihr Führungsverhalten lernen? Die Münchner Psychologin Dr. Christine Gindert wirft einen Blick hinter die Merkel-Kulisse und liefert all jenen Managern wertvolle Tipps, die endlich einmal genussvoll merkeln möchten.

Blinder Aktionismus schadet

Ein ehrgeiziger Manager glaubt, unbedingt etwas bewegen zu müssen und sich mit diesen Erfolge im Unternehmen perfekt positionieren zu können. Um positiv aufzufallen, und nicht nur als Leistungs- sondern auch als erfolgversprechender Potenzialträger wahrgenommen zu werden, reicht es den meisten da nicht aus, die übertragenen Aufgaben einfach zu abzuarbeiten. Im Gegenteil, nach dem olympischen Motto „schneller, höher, weiter“ glauben Manager, proaktiv besondere Aufmerksamkeit erringen zu müssen. Die Folge: Schon beim geringsten Vorkommnis handeln sie vorschnell in blindem Aktionismus. Das Nachdenken bleibt da schon mal auf der Strecke.

Packen Sie die richtigen Dinge an!

Psychologin Dr. Christine Gindert rät Managern zur Ruhe und Besonnenheit statt zu blindem Aktionismus.

Psychologin Dr. Christine Gindert rät Managern zur Ruhe und Besonnenheit statt zu blindem Aktionismus.

Wie die Münchner Psychologin Dr. Christine Gindert allerdings weiß, ist es aber eben nicht „entscheidend, ob etwas oder ob viel getan wird. Ja, es ist für Ihren Erfolg nicht einmal wichtig, ob Sie die Dinge richtig anpacken, sondern vielmehr, ob Sie die richtigen Dinge anpacken.” Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Viele Unternehmen handeln in einer Zeit, die immer unvorhersehbarer und unplanbarer wird, oftmals nur um des lieben Handelns willen.

Auch wenn es viel klüger wäre, erst einmal nichts zu tun. Denn durch aktionistisches Tun werden viel eher jene Probleme geschaffen, die das Management vorgibt zu lösen. Christine Ginders Ratschlag für allzu umtriebige Manager? „Setzen Sie die richtigen Prioritäten, nehmen Sie lediglich die wichtigen und erfolgversprechenden Themen auf und treiben Sie sie voran. Nutzen Sie dabei Ihren eigenen Handlungsspielraum, den gibt es immer.“

Auf die Klugen und Faulen kommt es an

Gegen die in Managementkreisen weit verbreitete Auffassung „Aktivität ist etwas für Gewinner, Passivität hingegen für Verlierer“ verwerfen in den letzten Jahren immer mehr berufene Stimmen. So auch Managementberater Reinhard Sprenger, der in seinem Buch „Das anständige Unternehmen“ schreibt: „Das Nichtstun der Führungskraft zielt auf das Selbsttun des Mitarbeiters“, um dann vehement zu fordern „Lassen ist das neue Tun.“ Angela Merkel hat dieses Verhalten nahezu perfektioniert. Ihr ruhiger Führungsstil steht für Kontinuität, dafür, Bewährtes weiterführen, sich nicht „aus der Ruhe bringen zu lassen“ und vor allem, sich nicht durch aktivistische Vorschläge irritieren zu lassen, sich Zeit für Entscheidungen zu nehmen.

Was Sie jetzt tun müssen

Was heißt das aber für Sie als tatkräftigen Manager, wenn weder hektische Betriebsamkeit noch lautstarkes Reden über die eigenen Taten überzeugen? Expertin Gindert rät zu drei Schritten:

  1. Das Problem identifizieren

Solange Sie nicht wissen, worin das Problem besteht bzw. ob es überhaupt eines gibt, macht es überhaupt keinen Sinn, über Lösungen zu diskutieren. Wichtig für überzeugende Lösungen ist ein gemeinsames Verständnis, was sich ändern soll!

  1. Authentisch sein

Sie sollten primär mit Themen und Erfolgen wahrgenommen werden, die zur eigenen Person und den eigenen Werten passen. Dafür müssen Sie ihre Motive, ihre Stärken und Schwächen gut kennen.

  1. Vorgesetzte, Kollegen und Mitarbeiter mitnehmen

Ihre Erfolge sollten sich zumindest teilweise mit Zielen und Interessen wichtiger Akteure decken und sich zur Mobilisierung von Zusammenarbeit eignen. Hierfür sollten Sie gut verstehen, wie Ihr Unternehmen funktioniert. Erforschen Sie dies und überzeugen Sie dann Ihre Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte, in Ihrem Sinn zu handeln.

Merkeln oder in der Ruhe liegt die Kraft

Eine essenzielle Funktion von Führung ist es, andere dazu zu bringen, (gemeinsam) Ziele zu erreichen. Dies vor allem aus der Einsicht heraus, dass in unserer ausdifferenzierten Arbeitswelt ein Ergebnis immer durch koordinierte Leistungen mehrerer Beteiligter erreicht wird. Dr. Christine Gindert erläutert: „Entscheidend ist, ob Sie Ihre Führungsrolle so sehen und die eigene Person nicht in den Vordergrund stellen. Wenn Sie als Führungskraft in sich selbst ruhen, werden Sie keine Probleme damit haben, wichtige Veränderungen zum richtigen Zeitpunkt überlegt anzuschieben. Und lassen Sie sich bitte nicht erzählen, dies habe mit Gleichgültigkeit oder Faulheit zu tun!“ Probieren Sie es also in Zukunft doch einmal mit der Merkel-Methode. Sie müssen ja nicht gleich die Raute machen.

Über den Autor

joergurbachJörg Peter Urbach ist Autor, Redakteur und Blogger aus Sprachleidenschaft. Seit mehr als 25 Jahren schreibt er. Für Print und Online. Konzepte. Geschichten. Fachartikel. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Literaturwissenschaft arbeitete Jörg Peter als Editorial Manager im klassischen Musikbusiness. Als langjähriger Chefredakteur des Portals wissen.de weiß er, wie man Leser begeistert und Themen findet.

Wenn der gebürtige Kieler nicht schreibt, durchwandert und fotografiert er die Alpen. Oder lauscht der Oper. Mit Achtsamkeit.


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