Drogen-Trend im Silicon Valley

Hirnrissige Hirnstimulation: LSD als neues Kreativitätsrezept?

Vor Kurzem enthüllte die GQ den neuesten (und leicht schockierenden) Trend im Silicon Valley – Microdosing. Dabei wird LSD in sehr geringen Dosen konsumiert, um die Kreativität zu fördern. Ein Trend zum Nachmachen?

Microdosing

Die Coolkids der kalifornischen Entrepreneurszene setzen seit neuestem auf Microdosing. Dabei wird LSD in extrem geringen Mengen konsumiert, um die Kreativität anzukurbeln

Selbst für jemanden wie mich, der sich in den 90er Jahren auf Underground Raves im Silicon Valley herumgetrieben hat, kam die Nachricht unerwartet: Drogen als Teil der Arbeitskultur oder, noch merkwürdiger, als akzeptiertes Phänomen einer Unternehmenskultur?

Die 90er im Valley waren eine epische Zeit, voller Partys, Drogen und sehr unterschiedlichen Feierwütigen: von Leistungsverweigerern der Generation X über Einzelhandelssklaven mit Mindestgehalt bis hin zu Software-Entwicklern, Marketing Managern und Top-Managern. Eine ausgedehnte „Raucherpause“ zur Mittagszeit war nicht ungewöhnlich und ein bisschen Acid machte Teambuilding-Events am Wochenende eben noch ein bisschen lustiger. Dieses Ineinanderfließen von Arbeit und Vergnügen war eine schwindelerregende Form der Rebellion.

Besser Brainstormen dank Drogen?

Heute führen die smarten Köpfe des Silicon Valleys die neue Drogen-Revolution an, junge Menschen in den Zwanzigern, so wie Ken und Steve. Die beiden wollen die Leistung und die Kreativität ihres Teams verbessern und experimentieren dafür mit geringen Dosen von Psychedelika wie LSD oder „magischen“ psilocybinhaltigen Pilzen. Der Trend nennt sich „Microdosing“ – während seine Effekte angeblich alles andere als klein sind.

„Steve“, ein Tech-Entrepreneur, der lieber anonym bleiben will, wurde 2016 für eine Serie auf TheHustle.co interviewt. Er sei Microdosing gegenüber zunächst skeptisch gewesen, aber neugierig. Weitere Nachforschungen hätten ihm die Sorge allerdings genommen, sagt er.

„Ich war überrascht, dass LSD

  1. nicht abhängig macht
  2. im Grunde nicht überdosiert werden kann

Das waren meine zwei größten Bedenken, als ich die Drogen genommen habe. Jetzt habe ich mich dazu entschlossen, mit diesem Experiment weiterzumachen (mit Vorbehalt).“

Obwohl er fand, dass andere verschreibungspflichtige Medikamente die Produktivität noch besser steigern konnten, war Steve mit dem Ergebnis zufrieden.

„Ich bin kein Arzt und kann niemandem empfehlen, was er tun soll … aber ich werde auf lange Sicht mit dem Microdosing von LSD weitermachen; ich muss nur noch die richtige Dosierung und den richtigen Zeitplan für mich finden.

Aber im Großen und Ganzen, wer wäre nicht gern glücklicher und kommunikativer?“

Microdosing – die gesunde Alternative zu Wachmachern?

Dr. James Fadiman, der legendäre Psychologe und Autor des Buchs The Psychedelic Explorer’s Guide,  hat Material und Selbsteinschätzungen von Menschen auf der ganzen Welt zusammengetragen, die mit psychedelischen Substanzen an sich selbst experimentiert haben. Die meisten dieser Testpersonen kommen aus der Region um San Francisco. Sie alle sind extrem intelligent, extrem wettbewerbsfreudig und auf der Suche nach einer Möglichkeit, der Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen.

Für Leute, die neue Lösungen für technische Probleme suchen, innovativer sein wollen, sei Microdosing eine „sehr gesunde Alternative zu Adderall“, die Wahldroge vieler Programmierer, die ursprünglich als Mittel zur Bekämpfung von Konzentrationsschwäche entwickelt wurde. Fadiman zufolge sind die Selbsteinschätzungen der Testpersonen vielversprechend: Die Teilnehmer beschrieben eine Linderung von verschiedenen Störungen wie Depressionen, Stress, Migräne und chronischen Erschöpfungszuständen, die ihrer optimalen Arbeitsleistung im Wege standen. Sie waren in der Lage, sich besser zu konzentrieren oder sich stärker denn je in ein Projekt einzufuchsen, wie der „Microdoser“ Baynard berichtet. Sie überwanden mentale Blockaden und konnten anschließend besser programmieren, wie Karen. Aber, viel wichtiger, sie konnten „out of the box denken“, genau wie Papa Apple.

Zu Risiken und Nebenwirkungen …

Auch wenn wie die fingierte Anti-Drogen-Propaganda der Ära Nixon an dieser Stelle ignorieren, es gibt immer noch medizinische Folgeerscheinungen, die keiner wegerklären kann. Natürlich gibt es hier und dort jemanden wie David Nichols, Professor der Pharmakologie an der Purdue University, Indiana, der sagt es sei „durchaus möglich“, dass Mikrodosen von LSD eine anregende Wirkung haben könnten – ähnlich wie Adderall und Ritalin. Die Droge aktiviert schließlich Dopaminwege im Gehirn, was wiederum die Hirnrinde stimuliert. Aber für mich ist das nicht genug, um es auszuprobieren.

Letzten Endes kommt es darauf an: Was will ich erreichen? Und: Was bin ich bereit, dafür zu tun? Leute, die „microdosen“ sind normalerweise ohnehin gerade die, die ihre physischen und psychischen Grenzen ein bisschen ausdehnen wollen. Viele von ihnen sind vielleicht schon in der Schule mit Medikamenten gegen ADHS in Berührung gekommen oder haben in der Uni mit „Wachmachern“ experimentiert. Mit dieser Einstellung ist es zum Microdosing wahrscheinlich gar nicht mehr so weit.

Ist das Microdosing also der Schlüssel zu Konzentration und innovativen Ideen? Ken, Steve, Baynard und Karen glaube das. Schlauer wäre es allerdings, erstmal abzuwarten, was verlässliche medizinische Tests zu dieser Art von Hirnstimulation sagen. An alle, die glauben, dass sie die Konkurrenz nur in Schach halten können, indem sie Drogen einwerfen: Entspannt euch! Ernsthaft. Genau so ist nämlich das Doping-Problem bei den Olympischen Spielen außer Kontrolle geraten.

Über die Autorin

Carol Peitzsch verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Businesswelt – vom Silicon Valley bis nach Europa. Sie teilt ihr Fachwissen über unterschiedliche Kanäle und hält Marketingvorlesungen an der EU Business School in München.



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