Manager in Elternzeit

Männer, die auf Windeln starren

Manager in Elternzeit? In Deutschland derzeit noch eine seltene Spezies.  In den Köpfen der Vorgesetzten muss sich etwas ändern. Und am eigenen Rollenverständnis. Bertelsmann-Manager Christoph Hage hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen. 

Manager in Elternzeit

Mehr als drei Viertel aller Väter würden gerne Elternzeit nehmen. Ist das in einer Management-Position möglich?

Wenn ein Kind zur Welt kommt, wird die Berufstätigkeit der Eltern zur Herausforderung. Rasch stellt sich die Frage: Wer nimmt eigentlich Elternzeit? Nein. In Deutschland stellt sich diese Frage auch 2017 eigentlich nicht.

Denn die Antworten lauten entweder „Mann geht Vollzeit arbeiten – Frau bleibt zuhause und erzieht die Kinder“ oder „Mann geht Vollzeit arbeiten – Frau arbeitet Teilzeit – Kinder sind in der Kita“

Die Konstante in beiden Fällen? Der Mann arbeitet Vollzeit. Die Substantive „Mann“ und „Frau“ in diesen Sätzen einfach mal auszutauschen, käme einer echten familienpolitischen Revolution gleich. Fakten gefällig? Laut Statistischem Bundesamt nahmen 2015 in Deutschland 42% der Mütter Elternzeit, deren jüngstes Kind unter 3 Jahren ist. Und gerade einmal 2,5% der Väter. Einer von ihnen ist Christoph Hage.

„Die Reaktionen waren nur positiv“

Bertelsmann-Manager Christoph Hage hat sich bewusst für die Elternzeit entschiede. Und nur gute Erfahrungen gemacht.

Bertelsmann-Manager Christoph Hage hat sich bewusst für die Elternzeit entschieden. Und dabei gute Erfahrungen gemacht.

Christoph Hage, Director Marketing & Content im Bertelsmann-Konzern, hat sich 2015 und 2016 für die Elternzeit entschieden. Ganz bewusst. Er blieb jeweils einen Monat direkt nach der Geburt und vor dem ersten Geburtstag seines ersten Sohnes zuhause. Negative Auswirkungen auf die weitere Karriere hatte seine Auszeit nicht. Im Unternehmen ging man „völlig entspannt mit meinem Antrag um, da es auch für Abteilungsleiter wie mich bei uns keine Ausnahme ist, in Elternzeit zu gehen.“, berichtet Hage. Und die Kollegen? „Die Reaktionen waren ausgesprochen positiv, viele im Team gründen gerade Familien, daher ist das Kommen und Gehen nichts Ungewöhnliches. Ich bin sehr froh, dass ich die Chance hatte, mich zwei Monate lang nur um meine Familie zu kümmern.“

Manager und Elternzeit?

Einen Weg wie Christoph Hage zu gehen, erfordert vor allem eines: Mut. Denn Manager und Elternzeit passt augenscheinlich in Deutschland noch nicht wirklich zusammen. Wie auch? In einer  männerdominierten Wirtschaftswelt, mit oftmals starren Führungshierarchien. Elternzeit ist also nichts für ganz Männer? Und schon gar nichts für Manager und Führungskräfte? Pustekuchen. Gerade für Hochqualifizierte kann die Elternzeit neue Erkenntnisse bringen. Die sie nicht nur gewinnbringend im Job einlösen können, sondern die sie ihr Leben lang prägen. Christoph Hage bestätigt dies: „Durch die neuen Lebensumstände, die man in Elternzeit natürlich viel intensiver erlebt, relativiert sich doch vieles, was mich vorher auch nach Feierabend noch beschäftigt hätte.“

Elternzeit – was ist das eigentlich?

Einfach gesagt, wird der Mitarbeiter in der Elternzeit von der Arbeit freigestellt. Unbezahlt. Zum Ausgleich dafür kann er seit 2007 das Elterngeld beantragen. Es gibt mehr Männer, die Elterngeld beziehen und dementsprechend Elternzeit nehmen. Allerdings noch auf sehr niedrigem Gesamtniveau. Und fast 80% der männlichen Aussteiger entscheiden sich für die Minimallösung: Sie pausieren nur zwei Monate – um somit zusammen mit der Partnerin die maximale Bezugsdauer des Elterngeldes von 14 Monaten zu erreichen. In der Tat bleiben 87% der Mütter die restlichen zwölf Monaten zuhause.

Karriererisiko Elternzeit?

Laut Trendstudie „Moderne Väter“ würden gerne mehr als 80% der Väter wie Christoph Hage Elternzeit nehmen – warum tun es dann so wenige? Nun, das eine will Mann, das andere muss Mann. Dem Psychologen Björn Süke zufolge gibt es in Deutschland ein „alltägliches Phänomen – das der expliziten strukturellen Verhinderung familiären Engagements von Vätern“. Väter haben schlicht und ergreifend Bedenken vor erheblichen beruflichen Nachteilen durch das Nehmen der Elternzeit. „Männer, die als Vollzeitväter aktiv werden, haben die gleichen Schwierigkeiten wie sonst Frauen“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie gGmbH. Laut einer Studie leidet nahezu jeder dritte Vater, der länger als zwei Monate in Elternzeit war, unter schlechteren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Verkrustete Strukturen und Hierarchien, veraltete Auffassung von Führung und ein Stück weit auch Misstrauen gegenüber den „Memmen, die die Windeln wechseln“ tragen zu strukturellen Problem bei. Die sich nur in den Köpfen der Entscheider lösen lassen. Nicht auf Papier und per Gesetz.

Alles ist anders

An moderne und zukunftsorientierte Führungskräfte wie Christoph Hage werden heute hohe Erwartungen gestellt: Sie sollen flexibel sein, agil reagieren, über ausgeprägte soft skills im Umgang mit ihren Mitarbeitern verfügen, diesen wie selbstverständlich auf Augenhöhe begegnen. Bei all diesen Punkten hilft ein ausgeprägter Perspektivwechsel – und wo gelingt der besser als in der Annahme einer neuen, herausfordernden Rolle? Als Vater. Christoph Hage hat sie angenommen. Mit Mut, ohne Argwohn, mit großer Neugier. Er hat dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen.

 

Über den Autor

joergurbachJörg Peter Urbach ist Autor, Redakteur und Blogger aus Sprachleidenschaft. Seit mehr als 25 Jahren schreibt er. Für Print und Online. Konzepte. Geschichten. Fachartikel. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Literaturwissenschaft arbeitete Jörg Peter als Editorial Manager im klassischen Musikbusiness. Als langjähriger Chefredakteur des Portals wissen.de weiß er, wie man Leser begeistert und Themen findet.

Wenn der gebürtige Kieler nicht schreibt, durchwandert und fotografiert er die Alpen. Oder lauscht der Oper. Mit Achtsamkeit.


Tagged:


Experteer verwendet Cookies. Informationen zum Datenschutz
Verstanden